Positivismus und Wiener Kreis: Abkehr von der Metaphysik


Positivismus und Wiener Kreis: Abkehr von der Metaphysik
Positivismus und Wiener Kreis: Abkehr von der Metaphysik
 
Der Aufstieg positivistischer Ideen und Richtungen ist eng mit der immer rascheren Entwicklung und Ausbreitung naturwissenschaftlicher Forschung und deren Widerhall in der Philosophie der letzten 150 Jahre verknüpft. Die Bezeichnung »Positivismus« leitet sich klar von Auguste Comtes »Cours de philosophie positive« (1830-42) her, in dem er mit seinem Drei-Stadien-Gesetz ein Entwicklungsgesetz des menschlichen Geistes formulierte, demzufolge nur im Durchschreiten eines theologisch-fiktiven und eines metaphysisch-abstrakten Stadiums das dritte positiv-wissenschaftliche, das heißt der volle Umfang menschlichen Wissens, erreichbar sein sollte.
 
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts baute Herbert Spencer die Stufenfolge Comtes mithilfe der biologistischen Entwicklungslehre von Lamarck und Darwin zu einer Evolutionstheorie menschlicher Kultur- und Geistesgeschichte aus. Freilich wurden die ungeprüften allgemeinen Hypothesen bald suspekt und gerieten, wie Spencer selbst, in Vergessenheit.
 
Wesentlich wirkungsvoller erwies sich in der folgenden Zeit der »Empiriokritizismus«, vertreten durch den deutschen Philosophen Richard Avenarius sowie den österreichischen Physiker und Philosophen Ernst Mach. Beide Denker stimmen in ihrer Kritik und Ablehnung der Metaphysik überein und sehen dagegen in der »Erfahrung« die Quelle und Überprüfungsinstanz aller Erkenntnis. Ausgangspunkt und Endpunkt dieser Erfahrung ist für sie das, was wir unmittelbar erleben. Nach Mach sind das die Empfindungen und alle dem Bewusstsein unmittelbar gegebenen Inhalte, die er als »Elemente« bezeichnet. Die ganze Welt ist nichts anderes als ein Relationsgefüge von Elementen. Das Ziel aller Wissenschaft ist dann die einfachste Beschreibung dieser Elemente und ihrer Beziehungen untereinander. In Machs eigenen Worten: »Anpassung der Gedanken an die Tatsachen und die Anpassung der Gedanken aneinander.«
 
Als Grundbedingung der Theoriebildung gilt Mach die Fantasie, das heißt der Reichtum an Einfällen zur Erweiterung der Erkenntnisse, das, was später dem Wechselspiel von »Versuch und Irrtum« zugeschrieben wurde. Um den Irrtum einzuschränken, ist Ökonomie das zu wählende Prinzip, das dazu veranlasst, nicht mehr vorgegebene Größen anzunehmen als nötig. Die Art der wissenschaftlichen Untersuchungen bestimmt, ob man eine Elementenkombination als ein physisches oder psychisches Etwas identifiziert. Diese Form eines neutralen Monismus, die Mach vertrat, findet man in Bertrand Russells »Analyse des Geistes« (1927) wieder, wo es heißt: »Sowohl Geist wie Materie sind logische Konstruktionen; die Elemente, aus denen sie konstruiert oder erschlossen sind, stehen in mannigfachen Beziehungen. Einige von diesen untersucht die Physik, andere die Psychologie.« Erst auf diesem Hintergrund wird Machs Ablehnung des »Ichs« verständlich. Denn auch für das Bewusstsein gilt, dass es in ein Beziehungsgefüge von selbstpräsenten Elementen, Gedanken, Gefühlen, Willensakten, Stimmungen eingefügt, aber keine spezifische Substanz ist. Darum Machs wegweisendes Wort: »Das Ich ist unrettbar«, keine Erfahrung ist in der Lage, uns »unser Ich« zu präsentieren.
 
Machs »Antimetaphysische Vorbemerkungen« zu seinem Buch »Analyse der Empfindungen« (1865) wurden zum programmatischen Ausgangspunkt einer sich von Wien aus in Europa formierenden Bewegung eines häufig naturwissenschaftlich ausgerichteten Positivismus. Deutlich zeigte sich das in den Reaktionen, von denen die bekannteste wohl Lenins Streitschrift »Materialismus und Empiriokritizismus. Kritische Bemerkungen über eine reaktionäre Philosophie« (1909) geblieben ist.
 
Eine besondere Konzentration erfährt diese positivistische Strömung dann im 20. Jahrhundert im »Neopositivismus« zunächst erneut von Wien aus, wo ein kleiner Kreis von Anhängern Machs an der Vereinigung von Grundideen der französischen Konventionalisten (Jules Henri Poincaré, Pierre Duhem) mit der positivistischen Erkenntnistheorie arbeitete. Dieser »erste Wiener Kreis« mit dem Physiker Philipp Frank, dem Mathematiker Hans Hahn und ihrem Initiator, dem Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler Otto Neurath, bildete dann den Kern des eigentlichen »Wiener Kreises« der logischen Empiristen, wie sie sich um den 1922 aus Kiel nach Wien auf den Lehrstuhl Machs berufenen Philosophen und Physiker Moritz Schlick sammelten. Zu diesem Zirkel von Mathematikern, Physikern und Philosophen zählten unter vielen anderen Felix Kaufmann und Kurt Gödel sowie Schlicks engste Schüler und Mitarbeiter Herbert Feigl und Friedrich Waismann. 1926 stieß noch der aus Deutschland kommende Dozent für Philosophie Rudolf Carnap hinzu, einer der bedeutendsten Philosophen, Logiker und Wissenschaftstheoretiker. Blickt man daneben auf das Umfeld dieses Kreises, in dem man jedenfalls des Mathematikers Karl Menger, des Psychologen Karl Bühler und ausländischer Teilnehmer wie Alfred Ayer oder Arne Næss zu gedenken hat, so sieht man eine der mächtigsten und einflussreichsten philosophischen Schulen, die freilich durch die politischen Umstände und 1936 durch die Ermordung Schlicks ein fatales Ende nahm. Den stärksten Einfluss auf den Kreis übte seit Mitte der Zwanzigerjahre ein Philosoph aus, der allerdings nie an den Sitzungen des Kreises teilnahm, sondern nur mit Schlick und Waismann in engeren Kontakt trat: Ludwig Wittgenstein.
 
In der Tat hat Wittgenstein in seiner als »Tractatus« berühmt gewordenen »Logisch-philosophischen Abhandlung« (1921) sowohl eine allgemeine Theorie der Welt wie der Bedingungen ihrer Beschreibung aufgestellt und dabei die moderne mathematische Logik als Instrument der Analyse benutzt und erklärt. In diesem Werk wird in der prägnantesten Form nicht nur die Methodologie philosophischer Untersuchung, sondern auch die Abgrenzung gegenüber der traditionellen Philosophie, wie sie auch dem Wiener Kreis eigen wurde, vorformuliert und präzisiert. So heißt es zum Beispiel im Satz 4.003 der Abhandlung: »Die meisten Sätze und Fragen, welche über philosophische Dinge geschrieben worden sind, sind nicht falsch, sondern unsinnig. .. Die meisten Fragen und Sätze der Philosophen beruhen darauf, dass wir unsere Sprachlogik nicht verstehen.« Daraus resultiert die Aufgabe der Philosophie (Satz 4.0031): »Alle Philosophie ist »Sprachkritik«.«
 
War noch für das Werk des jungen Wittgenstein die mathematisierende Formalsprache der »Principia Mathematica« Bertrand Russells die Vorbildsprache, so erkannte der spätere Wittgenstein, dass es keine logische Ursprache gibt, dass Sprachkritik nur die »gewöhnliche Sprache« betreffen kann. Und in dieser gilt, dass die Bedeutung eines Wortes sein Gebrauch in der Sprache ist. Analog dazu hatte Schlick schon vor der Zusammenarbeit mit Wittgenstein behauptet: »Die Angabe der Umstände, unter denen ein Satz wahr ist, ist dasselbe wie die Angabe seines Sinnes.«
 
Es ist klar, dass mit einem solchen Kriterium jeder Versuch einer metaphysischen Deutung unserer Erlebens- und Denkwelt unterbunden wird, denn die Umstände müssen ja durch Erfahrung erfassbar und bestätigbar bleiben. In dem nach Wittgensteins Tod (1951) veröffentlichten Werk »Philosophische Untersuchungen« heißt es dann: »Die Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unseres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache.«
 
Dementsprechend waren die Ziele des Wiener Kreises hoch gesteckt, nämlich radikal in der Ablehnung der traditionellen Philosophie und insbesondere aller Metaphysik, und radikal in der Aufhebung der Differenz zwischen Natur- und Geisteswissenschaft durch eine naturalistische Theorie der Erkenntnis auf der Grundlage einer logischen Analyse der Sprache und eines empiristischen Sinnkriteriums. »Durch die Philosophie werden Sätze geklärt, durch die Wissenschaft verifiziert.« Das heißt, dass die Wahrheit oder Falschheit eines Satzes nur dann feststellbar ist, wenn der Satz überhaupt einen Sinn hat, und der Sinn sollte in der Methode der Verifikation bestehen. Damit verband sich naturgemäß die strikte Forderung, nur zwei Klassen von Aussagen, nämlich analytische und synthetische Sätze, zuzulassen. Analytische Sätze sind, da sie nichts über die Wirklichkeit aussagen, wahr (oder falsch) allein aufgrund ihrer Form. Synthetische Sätze hingegen sind wahr oder falsch allein aufgrund der Zustandsbedingungen der Welt. Außer diesen beiden Satzarten sollte es keine dritte Behauptungsart wissenschaftlicher Aussagen, wie etwa Kants synthetische Urteile a priori, geben.
 
Wenn Wittgenstein auch die Existenz von Unaussprechlichem - etwa »das Gefühl der Welt als begrenztes Ganzes« - behauptet und es als das »Mystische« bezeichnet, so schließt er doch metaphysische Aussagen aus dem Kontext der Philosophie aus. So heißt es am Ende des Traktats: »Die richtige Methode der Philosophie wäre eigentlich die: nichts zu sagen, als was sich sagen lässt, also Sätze der Naturwissenschaft - also etwas, was mit Philosophie nichts zu tun hat - und dann immer, wenn ein anderer etwas Metaphysisches sagen wollte, ihm nachzuweisen, dass er gewissen Zeichen in seinen Sätzen keine Bedeutung gegeben hat.«
 
Vielleicht die ausgefeilteste Verurteilung der Metaphysik in dieser Richtung findet sich in Rudolf Carnaps Aufsatz »Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache« (1931). Aus zwei Gründen kann ein Satz - so Carnap - ein sinnloser Scheinsatz sein: entweder, wenn im Satz ein bedeutungsloses Wort vorkommt oder der Satz syntaxwidrig konstruiert ist, wofür das Beispiel »Caesar ist und« steht. Ein besonderer Platz für logische und semantische Fehler wird dabei dem Gebrauch des Wortes »sein« zugeschrieben, das einmal als Kopula vor einem Prädikat, einmal als ein Zeichen für Existenz verwendet wird. Das Ergebnis der metalogischen Analyse metaphysischer Aussagen ist sodann immer das gleiche: Alle die Erfahrung überschreitenden Aussagen sind verdächtig und meist ohne Sinn, wofür Carnap den Terminus »Scheinsätze« reservierte und am Beispiel heideggerscher Formulierungen demonstrierte.
 
Wie aber erklären die logischen Empiristen und Metaphysikgegner die Tatsache, dass so viele hervorragende Denker verschiedener Zeiten zu solchen Sätzen gelangten? Sie meinen, dass die Metaphysik - so wie die Musik - vornehmlich ein »Ausdruck des Lebensgefühls« sei, ein Ersatz für theologisches Denken. Es fehle eben den Metaphysikern die musikalische oder poetische beziehungsweise künstlerische Begabung, diese Gefühle in der richtigen Weise zum Ausdruck zu bringen. Was bei diesem Versuch der Vertreibung der Metaphysik übersehen wurde, ist, dass die kritische Einstellung gegenüber dieser ältesten philosophischen Disziplin nicht weniger auf Voraussetzungen beruht als die kritisierten Theorien. So können wir bei Waismann ein Vierteljahrhundert später lesen: »Zu sagen, dass Metaphysik Unsinn ist, ist Unsinn. .. Die großen Metaphysiker haben etwas Visionäres an sich, als hätten sie die Gabe, über den Horizont ihrer Zeit hinauszuschauen.«
 
Prof. Dr. Rudolf Haller
 
 
Geschichte der Philosophie in Text und Darstellung, herausgegeben von Rüdiger Bubner. Band 8: 20. Jahrhundert, herausgegeben von Reiner Wiehl. Neuausgabe Stuttgart 1995.
 
Philosophie im 20. Jahrhundert, herausgegeben von Anton Hügli und Poul Lübcke. 2 Bände. Reinbek 2-31996—98.

Universal-Lexikon. 2012.

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